
Teamdynamik
Du wirst es erst sehen, wenn du es begriffen hast.
Ein High-Performance-Team ist einfach next level. Es lässt dich über dich selbst hinauswachsen und Talente entdecken, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie hast. So ein Team fühlt sich an wie Heimkommen. Wie Freundschaft. Es gibt Energie, es wird gelacht, und ihr erzielt Ergebnisse, die du allein nie geschafft hättest.
Aber nicht jedes Team ist ein High-Performance-Team.
Oft ist ein Team einfach eine Gruppe von Menschen. Mit Charakteren, die aufeinanderprallen, gegensätzlichen Interessen, unterschwelligem Ärger und jeder Menge Drama. Wie wir alle noch vom Schulhof wissen: In Gruppen ziehen Menschen, bewusst oder unbewusst, allerlei Nummern ab, um ihren Platz zu behaupten. Sie tratschen. Sie stecken einander in Schubladen. Sie schließen jemanden aus. Schön ist das nicht. Menschlich schon.
Und trotzdem wird von Teams in Organisationen viel erwartet. Sie sollen nicht nur Ergebnisse liefern, sondern das auch noch gemeinsam tun. Es muss abgestimmt werden. Feedback gegeben werden. Ständig gelernt werden. Und nebenbei soll es auch noch ein bisschen gemütlich bleiben.
Und du? Du darfst als Führungskraft aus dieser Gruppe von Menschen ein Team formen. Ein Team, das einander vertraut und den Mund aufmacht. Das Verantwortung übernimmt und zum großen Ganzen beiträgt.
Vielleicht hast du bereits so ein Team. Glückwunsch! Aber meistens ist es einfach ganz schön harte Arbeit. Deshalb geht es in diesem Artikel um etwas, das du erst sehen lernen musst und dann jeden Tag brauchst: den Unterstrom lesen.
Du lernst:
• die Phase zu erkennen, in der sich dein Team gerade befindet,
• welche Muster und Fallen dabei eine Rolle spielen,
• und wie du als Führungskraft bewusst eingreifen kannst, statt nur zu reagieren.
Jedes Team wächst … (oder bleibt stecken)
Ein Team wird nicht mal eben, zack, ein High-Performance-Team. Es stockt, stolpert, reibt sich und lernt. Genau wie Menschen entwickeln sich Teams Schritt für Schritt: von Abhängigkeit über Pubertätsverhalten hin zu Erwachsensein und schließlich zu Weisheit. Manchmal geht das schnell. Öfter langsam. Manchmal geht es von selbst. Meistens nicht.
Und genauso wie bei Menschen sind die Entwicklungsphasen eines Teams unvermeidbar. Wer als Führungskraft versucht, eine Phase zu überspringen, wird eine böse Überraschung erleben. Wachstumsschmerzen verschwinden dann einfach unter dem Teppich.
Trotzdem behandeln wir Teams oft so, als wären sie schon da. Wir werfen sie ins kalte Wasser. Setzen einen KPI auf Zusammenarbeit. Geben ihnen ein Feedbacktraining, obwohl sich noch niemand sicher genug fühlt, ehrlich zu sein. Oder setzen sie in einen Stuhlkreis, damit sie mal eben verletzlich tun sollen. Wir erwarten erwachsenes Verhalten von einer Gruppe, die noch gar nicht weiß, wer oder was sie überhaupt ist.
Was hilft, ist zu wissen, wo dein Team in seiner Entwicklung steht. Dann kannst du dich anschließen und einstellen. Geduldig sein, wo es nötig ist, und einen kleinen Schubs geben, wo es geht.
Die vier Phasen der Teamentwicklung
Die meisten Modelle zur Teamentwicklung beschreiben vier bekannte Phasen. Wir verwenden das klassische Modell von Bruce Tuckman als Grundlage und ergänzen es um die psychologische Tiefe von Susan Wheelan und die praktische Umsetzung von Jobbeke de Jong.
Jedes Team bewegt sich mehr oder weniger durch diese vier Phasen:
• Forming – Vorsicht, Abstimmung und Abhängigkeit.
• Storming – Konflikt, Machtkampf und Positionierung.
• Norming – Absprachen, Vertrauen und Arbeiten aus einem gemeinsamen Ziel heraus.
• Performing – Reife, Eigenverantwortung und Ergebnis.
Teams durchlaufen diese Phasen selten in einer geraden Linie. Manche Teams kommen nie über Forming hinaus. Andere dachten, sie seien längst in Performing angekommen, fallen aber beim ersten Gegenwind zurück ins Storming. Zum Beispiel, sobald der Druck steigt oder sich die Teamzusammensetzung verändert.
Eines ist sicher: Wenn du weißt, in welcher Phase dein Team steckt, findest du leichter den richtigen Ton und die passende Intervention. Und das bedeutet manchmal einfach, dass du erst einmal gar nichts tun und stillhalten musst, und manchmal, dass du gerade doch aktiv werden musst, obwohl du davor insgeheim ordentlich Bammel hast.
Schauen wir sie uns nacheinander an.
Forming: die Phase der Abhängigkeit
In dieser Phase bewegen sich die Teammitglieder wie kleine Inseln umeinander. Jeder konzentriert sich auf seine eigene Arbeit, stimmt sich einzeln mit dir als Führungskraft ab und hofft vor allem, keinen Ärger zu verursachen. Es ist noch kein Team. Es ist eine Gruppe von Kollegen mit individuellen Aufgaben.
Meetings sind vor allem ein Austausch loser Meinungen, ohne echtes Gespräch, ohne gemeinsames Ziel. Der Unterstrom ist zwar da, bleibt aber unsichtbar. Frust wird verleugnet, Zweifel werden runtergeschluckt und Spannungen werden weggelacht.
Die Teammitglieder suchen Sicherheit und Halt. Sie schauen zu dir, um Orientierung und Klarheit zu bekommen. Sie sind höflich und freundlich zueinander, vor allem, um die Stimmung nicht zu stören.
Reflexion ist schwierig. Alles fühlt sich persönlich und unangenehm an. Feedback zu geben ist heikel, also lassen sie es lieber. Man hört Sätze wie: “Ich sage lieber nichts.” “Das ist nicht meine Verantwortung.” “Das soll doch die Führungskraft lösen.”
Viele Teams bleiben in dieser Phase hängen. Manchmal, weil es einfach funktioniert: Die Aufgaben sind überschaubar, die Stimmung ist okay. Nichts läuft wirklich schief.
Typisches Verhalten in Forming:
• Alle sprechen vor allem über ihre eigene Aufgabe.
• Heikle Themen verschwinden in Einzelgesprächen.
• Es fühlt sich sozial sicher an, ist inhaltlich aber still.
• Jeder redet aus seiner eigenen Sicht und niemand entscheidet etwas.
• Der Elefant im Raum? Der steht bei der Kaffeemaschine.
Deine Rolle als Führungskraft: Biete Struktur, Klarheit und Sicherheit. Setze Rahmen und sei berechenbar.
Deine Falle: Die rosarote Brille aufsetzen. “Tralala, alles paletti, alle sind gut drauf, kein Wölkchen am Himmel.” Es ist durchaus etwas im Busch, aber solange sie einander nicht wirklich brauchen, bleiben die Karten verdeckt.
Echte Teamarbeit entsteht erst, wenn Menschen einander brauchen, um ein gemeinsames Ergebnis zu erzielen. Genau dort beginnt die nächste Phase.
Storming: die Kampfphase
Sobald sich die Teammitglieder wirklich brauchen, fängt es an zu reiben. Die Stimmung kippt: von höflich zu heftig, von vorsichtig zu kampflustig. Willkommen im Sturm: die Pubertät des Teams, samt Stimmungsschwankungen, Machtkampf und Getratsche.
Grenzen werden ausgetestet. Teammitglieder setzen sich voneinander ab, und auch von dir als Führungskraft. Genau wie auf dem Schulhof geht es hier um Position, Status und Einfluss. Wer bestimmt die Regeln? Wer hat das letzte Wort? Wer gehört dazu, und wer nicht?
Die größte Falle in dieser Phase ist, dass Störungen persönlich genommen werden: “Es liegt an ihm.” “Sie ist immer so herrisch.” Für dich als Führungskraft ist es schwer, dich davon zu lösen und zu erkennen, dass fast das gesamte Verhalten in dieser Phase „logisch” ist. Mehr noch: Es ist auf gewisse Weise sogar nötig, um in die nächste Phase zu kommen.
Die Herausforderung ist, diese Unterschiede nicht glattzubügeln, sondern zu lernen, sie auszuhalten. Unterschiede gehören dazu. Sie müssen sein, und sie müssen einen Platz bekommen. Das erfordert etwas, das wir von Natur aus lieber vermeiden: Unbehagen und Konfrontation. Aber ohne Reibung kein Glanz. Diese Phase ist unbequem und unverzichtbar zugleich.
Typisches Verhalten in Storming:
• Es gibt deutliche Untergruppen oder Lager (die „alte Garde” gegen die „Neulinge”, die „Platzhirsche” gegen die kleinen Fische).
• Unterschiede werden persönlich genommen und nicht als Teammuster erkannt.
• Wir verfallen in Stereotype und schreiben einander Rollen zu (der Retter, der Nörgler, der Ja-Sager).
• Nonverbaler Widerstand: verständnisvolle Blicke, Seufzer, Zynismus, innerlich abschalten.
• Es wird heftig debattiert, aber wenig wirklich zugehört.
• Der Führungskraft wird alles Mögliche zugeschrieben: Bewunderung, Verachtung, aber selten Rückhalt.
Deine Rolle als Führungskraft: Erkenne die Muster hinter dem Verhalten. Halte die Spannung aus. Sei stabil und ansprechbar. Setze Grenzen und höre zu.
Deine Falle: Den Konflikt im Keim ersticken wollen. Einzeln mit Leuten sprechen, beschwichtigen, dämpfen. So verschwindet der Konflikt vielleicht aus deinem Blick, aber nicht aus dem System. Und schlimmer noch: Das Team lernt so nicht, die Konfrontation selbst anzugehen und auch wieder aus ihr herauszufinden.
Norming: die Phase der Zusammenarbeit
Wenn das Team gelernt hat, Spannungen auszuhalten, ohne einander niederzumachen, kehrt Ruhe ein. Die scharfen Kanten sind weg. Es entsteht Raum für Kontakt und Zusammenarbeit.
Diese Übergangsphase zum Walhalla namens High Performance fühlt sich oft wie eine Erleichterung an. Rollen und Verantwortlichkeiten sind klar. Erwartungen werden ausgesprochen. Teammitglieder ergreifen die Initiative, geben einander Feedback und trauen sich, ihre Meinung zu sagen. Die Energie fließt in Richtung des gemeinsamen Ziels. Es entsteht Eigenverantwortung, nicht nur für das eigene Stück, sondern für das Ganze.
Es entsteht Raum für Reflexion. Fürs Lernen. Für Gespräche über das Wie, nicht nur das Was. Die Teammitglieder vertrauen einander. Und sie schenken einander Vertrauen. Langsam wächst ein gemeinsames Gefühl: “So machen wir die Dinge. Das funktioniert für uns.”
Typisches Verhalten in Norming:
• Teammitglieder suchen einander aktiv auf.
• Absprachen werden getroffen und eingehalten.
• Feedback wird mit der Absicht geteilt, zu wachsen.
• Es entsteht Eigenverantwortung und gegenseitige Unterstützung.
• Es fühlt sich leichter und gleichzeitig ernsthafter an.
Deine Rolle als Führungskraft: Lass los, wo du kannst. Fördere Eigenverantwortung und die Abstimmung untereinander.
Deine Falle: Zu denken, du müsstest immer noch alles im Team tragen und lösen. In dieser Phase darfst du etwas mehr in den Hintergrund treten, als Hüter der Richtung.
Performing: die Phase der Reife
In dieser Phase steht das Team im Einklang mit sich selbst und mit dem größeren Ganzen. Es gibt einen Blick für den weiteren Kontext: die Organisation, die Stakeholder, den Gast, die Gesellschaft. Ego spielt eine kleinere Rolle. Teammitglieder müssen sich nicht mehr beweisen und sind darauf ausgerichtet, einander in Position zu bringen. Das Team ist sozusagen etwas „weiser” geworden.
Das Team reflektiert darüber, was es tut, und darüber, wie es das tut. Jeder übernimmt Verantwortung für das Team und für sich selbst. Auch wenn es heikel wird. Sie suchen nach dem, was gerade nötig ist. Recht zu haben spielt kaum noch eine Rolle.
Konflikte gibt es natürlich immer noch. Aber sie werden als Teil des Prozesses gesehen, nicht als Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft.
Es entsteht Raum für Experimente, für Feedback, für geteilte Führung. Hierarchie verschwimmt. Die Führungskraft ist nicht mehr diejenige, die bestimmt, sondern diejenige, die inspiriert, verbindet und Richtung gibt.
Typisches Verhalten in Performing:
• Das Team wechselt geschmeidig zwischen Aufgabe und Beziehung.
• Alle sind ungefähr gleich viel am Ball, und dadurch entsteht Flow.
• Spannungen werden ohne Drama besprochen.
• Teammitglieder tragen gemeinsam Verantwortung.
• Es gibt Raum für Reflexion und Experimente.
• Die Führungskraft ist Wegbereiter für Sinn und Richtung.
Deine Rolle als Führungskraft: Spiegele, was du siehst. Fordere heraus. Sorge dafür, dass das Team sich immer wieder selbst übertrifft und dabei mit der Richtung verbunden bleibt.
Deine Falle: Zu denken, du seist überflüssig. Gerade in reifen Teams ist deine Führung subtil, aber unverzichtbar. Es geht mehr um Präsenz als ums Tun.
Kein Team ist jemals „fertig”. Es gibt keine Schleife drum herum, keinen Endpunkt, an dem du sagen kannst: Nichts mehr zu tun. Umstände verändern sich. Die Zusammensetzung verändert sich. Neues Verhalten weckt alte Reflexe. Genau deshalb ist es so wertvoll, als Führungskraft nicht auf ein perfektes Endergebnis hinzusteuern, sondern auf Entwicklung. Auf ein gemeinsames Bild davon, wo dein Team steht. Und auf den nächsten Schritt.
Der Anfang von Bewegung
Wenn du diesen Artikel gelesen hast, schaust du wahrscheinlich schon anders. Auf dein eigenes Team. Auf das Meeting von gestern. Auf das Gespräch, das nicht in Gang kommen wollte. Auf den Unterstrom, den du jetzt plötzlich brodeln siehst.
Sehen ist der Anfang von Veränderung.
Denn sobald du Muster erkennst, statt nur auf Verhalten zu reagieren, verändert sich etwas. Du wirst weniger schnell von „diesem Zirkus schon wieder” genervt. Du hörst anders zu. Du stellst andere Fragen. Du reagierst aus Neugier heraus, nicht aus Automatismus.
Und das spüren andere. Teams merken haargenau, ob jemand wirklich hinschaut. Ob du hinschaust, um zu verstehen, oder um zu urteilen. Ob du erst sehen willst, was los ist, oder ob du sofort in den Fix-Modus schaltest.
Genau da beginnt Führung: beim Mut, hinzusehen, was da ist.
Was gerade, in diesem Moment, zwischen euch allen passiert, genau da sitzt es. In den Pausen zwischen den Worten. In den Blicken, die ausgetauscht werden. In der Energie, die fließt oder eben nicht.
Also schau. Wirklich. Don’t look at the bush, look through the bush.
Denn genau dort, in diesem Moment des Erkennens, entsteht die Öffnung zur nächsten Phase.